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Die Bucht, Gerhard Kelling, 2019
Audioaufnahmen 2020 mit Schauspieler Guido Bayer

Expose_GK_2020

Über den Autor

Gerhard Kelling, geboren 1942 in Bad Polzin (Pommern), lebt in Hamburg. Kelling absolvierte eine Schauspielschule und war anschließend als Regieassistent, Dramaturg und Bühnenregisseur tätig. Daneben verfasste er zahlreiche Theaterstücke und Hörspiele und übersetzte Werke für die Bühne, vorwiegend aus dem Englischen. Kelling lebt heute in Hamburg. Besondere Aufmerksamkeit erregte Kelling 1999 mit seinem Prosadebüt, dem Roman Beckersons Buch und dem folgenden Band Jahreswechsel. Der Autor erhielt 1993 ein Stipendium des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf sowie 2000 den Rauriser Literaturpreis.

Exposé

Stellen Sie sich vor, ein junger oder doch jung gebliebener, ganz und gar unmoderner Mensch kommt mit den täglichen Katastrophen um ihn herum, den Erdbeben, Flugzeugabstürzen, den Technikunfällen, politischen Morden, Völkermorden und Kriegen nicht mehr zurecht, erlebt alles wie am eigenen Leib, kann nichts davon jemals vergessen, stellen Sie sich weiter vor, seine Frau hält es mit ihm nicht länger aus, nimmt die Kinder und verlässt ihn, der sie und die Kinder liebt und das alles nicht versteht, stellen Sie sich vor, dass seine Vorgesetzten ihn, den jüngsten Bevollmächtigten einer großen Versicherungsgesellschaft, von jetzt auf gleich feuern, weil er es ablehnt, wegen des um sich greifenden Rinderwahnsinns weiterhin Kühe zu versichern.

Stellen Sie sich vor, dieser Mann fährt im ersten Jahr des neuen Jahrtausends, 2001, nach New York, wo, wie er glaubt, sich noch immer das Meiste entscheidet, und gerät in den 11. September, der einen Kulturbruch darstellt, zu Unglück und Krieg führt und eine Zeitenwende einleitet, die aus der guten Weltmacht Amerika die böse Weltmacht Amerika macht, stellen Sie sich weiter vor, dass dieser friedliche Mensch, da er den Krieg kommen sieht, sich in die entscheidende Generalversammlung der UN einschleicht, ein beschriftetes Banner entfaltet und Parolen gegen den Krieg ruft, dass er verhaftet, verhört, einmal um die Welt geflogen, erst nach Afghanistan und dann nach Guantánamo gebracht wird, wo er sich mit einem amerikanischen Colonel anfreundet und einem islamistischen Kämpfer, wo er, der bald wieder entlassen werden soll, sich jedoch weigert zu gehen und mit gefälschten Papieren nach Mexiko abgeschoben wird.

Stellen Sie sich vor, niemand glaube ihm diese Geschichte und wo er sie aufzuschreiben versuche, stehle man seine Dateien, verfälsche sie böswillig und mache sie unbrauchbar, kurz, stellen Sie sich einfach vor, dieser Mensch sei restlos, vollständig und in jeder Hinsicht gescheitert und treffe nun, am Ufer der Hamburger Elbe, zufällig die junge Frau wieder, die ihm im Reisebüro Riehm seine große Amerikareise überhaupt erst ermöglicht hat, weil sie ihm, der nicht fliegen wollte, eine Seereise vorschlug, und Sie haben die ganze Geschichte.

Diese Geschichte ist komisch, so wie alle Quichotterien und Chaplinaden komisch sind, ohne unbedingt lustig zu sein, denn auch dies ist eine Geschichte, die von einem Irren handelt, einem Weltfremdling, der auf sich besteht, und übrigens von einem Kulturbruch als dem vorläufigen Ende der Neuzeit.